Porträt einer Schamanin: Von einer Gesellschaft ohne Ego

Lenka Dolezal hat in vielen Ländern dieser Erde mit den Indigenen gelebt, arbeitet heute selbst als Schamanin, auch wenn sie sich selbst nicht gerne so bezeichnet, verbreitet ihre Lehren weiter und beschäftigt sich eingehend mit Pflanzenmedizin. Ich habe sie via Zoom interviewt und wollte wissen, was man so tut und denkt als Mensch, den andere gerne als Schamanin bezeichnen.

 

Ein Porträt von Felix van der Velden

„Du bist ja Schamanin…“, fange ich an zu fragen, werde aber sofort schmunzelnd unterbrochen: „Nein, ich halte nichts von diesem Begriff. Die wahren Schamanen sind die Pflanzen, denn sie sind Ego-frei“. Ich bin etwas verwirrt: „Als was würdest Du dich denn bezeichnen?“ 

„Als Mensch“, sagt sie klar und selbstbewusst.

Das Ego – es ist dem Menschen eigen. Wir sind (vermutlich) die einzigen Geschöpfe, die über sich selbst nachdenken, die sich identifizieren und so sind wir scheinbar eine Ausnahme der Natur. Von Ihr haben wir uns immer weiter entfernt. Alte Bräuche, mit denen die Natur zelebriert und geehrt wurde, sind längst vergessen. Städte verdrängen die Flora und Fauna und wir haben aufgehört, die Vielfalt der Pflanzenwelt gerecht zu nutzen, stattdessen beuten wir sie aus und zerstören sie, schaden uns so vor Allem selbst.

Die Suche nach einer Antwort

Lenka wurde in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Sie erinnert sich, als Kind Eingebungen gehabt zu haben, weil – wie bei allen Kindern, so meint sie – ihr sogenanntes drittes Auge offen war. Die spirituelle Welt sei für Kinder noch erreichbar, erklärt sie. Erst durch das Alter und die Sozialisierung höre man auf zu phantasieren. Ihr sei das länger erlaubt gewesen, als den meisten anderen Kindern und deshalb habe sie ihre damalige Sicht auf die Welt auch nie vergessen und als Erwachsene erneut aufgreifen können.

In der Tschechischen Republik lebte sie 22 Jahre, danach kam sie mit einer abgeschlossenen Ausbildung zur Physiotherapeutin nach Deutschland. Auch als Schneiderin arbeitete sie eine Zeit lang, aber meistens beschäftigte sie etwas anderes: Ihre „spirituelle Verbindung“, die früher schon so stark ausgeprägt war, ließ sie nie in Ruhe. Als sie das irgendwann als bleibende Tatsache akzeptierte, wollte sie ergründen, was dahintersteht und fing an die Bibel zu lesen. „Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich war nach jedem Blatt müde, aber sobald ich sie weglegte, war ich wieder voller Energie. Dann habe ich mir gesagt: Ok, das ist wohl nicht mein Buch“, lacht sie – und so ging die Suche weiter.

Verschiedene andere Bücher führten sie an spirituelle Themen und an die Meditation heran und so habe sich ihre Wahrnehmungsgabe mit der Zeit wieder gestärkt. Als sie mit 25 Jahren in Deutschland einen Heilpraktiker kennenlernte, der schamanisch und energetisch arbeitete, „öffnete sich die Tür“. Sie studierte erstmals die Huna, eine der spirituellen Lehren Hawaiis.

Der Weg ins Paradies

Heute, einige Jahre später, arbeitet auch Lenka schamanisch und energetisch. Sie ist um die Welt gereist, war in ganz Europa, in Asien und hat in Südamerika mit indigenen Völkern zusammengelebt. Sie ist mit einer der 13 indigenen Großmüttern gereist und hat Dinge gesehen, die sich die meisten in unserer westlichen Gesellschaft nicht vorstellen können. Für sie nimmt das Ego einen zu großen Platz in der Welt ein. „Wir sollten mehr aus dem Herzen leben“, meint sie. Erkennen, wer wir wirklich sind und uns der Natur wieder annähern. Denn laut ihr gehört alles zusammen: Wir, die Pflanzen und die Tiere sind alle eins. Nicht ein Körper oder ein Wesen, sondern „ein großes Herz“, wie sie es ausdrückt. Sie spricht von Energie. Die ist in der energetischen Lehre das, was alles miteinander verbindet. Auch unser Geist, von dem Lenka oft redet, bestünde aus dieser Energie. Er sei unsterblich und mache uns aus.

Dass alles aus Energie besteht, dass diese Energie unendlich ist und auch niemals vergehen wird, ist für sie eindeutig und das Erkennen dieser Umstände die wichtigste Voraussetzung für eine bessere Welt. Auch ist sie sich sicher, schon mehrere Leben gelebt zu haben, denn die Energie verlasse beim Sterben den Körper, aber nicht die Welt. Sie spricht aus Überzeugung, auch wenn es in diesem Gebiet keinen wissenschaftlichen Konsens gibt. Sie geht sogar so weit zu sagen, „wenn das alle verstehen und wir als großes Herz, aus der Liebe, zusammenleben, wenn wir erkennen, dass wir alle eins sind, dann ist das hier das Paradies, das sich so viele herbeisehnen“. Der Weg, der sie zu diesen Überzeugungen gebracht hat war lang und das Ziel ist längst nicht erreicht. Erst einmal hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, anderen ihr Weltbild zu vermitteln, sie in spirituelle Theorien einzuführen und so aus den normalen Identifikationen herauszuleiten.

Keine Menschlichkeit ist auch keine Lösung

„Ich bin Alles und Nichts, ich kann Alles und Nichts, ich weiß alles und nichts. Wenn wir erkennen, dass wir mehr sind, als nur unsere Rolle in der Welt und endlich aus dieser Illusion herauskommen, dann leben wir den Ist-Zustand. Und ich glaube, wenn man in den Ist-Zustand kommt, hat man gewonnen.“

Für die meisten Menschen klingen solche Aussagen erstmal diffus und genau das ist laut Lenka das Problem. Denn tatsächlich handele es sich nicht um Märchen, sondern um alte Lehren, die in in unserer modernen Welt keinen Platz mehr haben und nur noch von Indigenen und in der westlichen Welt von einer Minderheit aktiv gelebt und weitergegeben werden. Doch woran liegt das? Objektiv betrachtet ist es eine traurige Entwicklung, denn Spiritualität ist keine sektenmäßige Anbetung von Gegenständen, es geht auch nicht darum, fünf Stunden am Tag zu meditieren und nicht jeder, der sich als spirituell bezeichnet ist Impfgegner und ernährt sich nur von Rohkost und Ayahuasca. Doch das sind die Klischees.

Vielmehr geht es um Bewusstsein, um Selbst- und Nächstenliebe. Spirituelle Lehren schließen niemanden aus, denn sie gehen grundlegend davon aus, dass wir alle durch das sogenannte Energiefeld miteinander verbunden sind. Dieses Energiefeld wird als feinstofflich beschrieben. Versuche, es zu beweisen gab es viele, jedoch wurde bisher keiner wissenschaftlich anerkannt. Mittlerweile wird aber die Quantenphysik zu einem immer wichtigeren Teil der Wissenschaft – diese schließt die Existenz einer Seele nicht mehr aus. Also werden sich in Zukunft vielleicht Dinge ändern. Ich habe mich, so gut es ging, mit dem Thema auseinandergesetzt und betrachte zum Beispiel energetische Heilungsansätze, die durch eine äußere Beeinflussung des Energiefelds Besserung auch bei schweren Krankheiten versprechen, weiterhin als kritisch – auch weil es keine verifizierte Ausbildung zum Energetiker gibt und ich die ganze Thematik als teils undurchsichtig empfinde.

Die Lehre der Energetik ist eine philosophische Theorie – entweder man glaubt an sie als Tatsache oder eben nicht. Aber Werte wie Empathie oder eine hohe Achtung vor sich selbst und der Umwelt, auch die Betrachtung der Menschheit als zusammengehörige, verbundene Gemeinschaft, sind Dinge, die unsere in vielen Zügen kalte und anonymisierte Gesellschaft, massiv nach vorne bringen würden. Denn im Grunde ist das nicht spirituell oder schamanisch – sondern einfach nur menschlich.

Was erreichen wir durch Bewusstsein?

Für Lenka ist ein aktives Bewusstsein, eine dauerhafte Achtsamkeit, grundlegender Pfeiler eines erfüllten Lebens: „Wenn ich Menschen frage, wie sie sich fühlen, wissen sie es nicht. Sie antworten meistens nur ‚gut‘. Wenn ich nachhake und frage wie es ihnen wirklich geht, sind sie verwirrt und können es mir noch immer nicht sagen. Erst wenn ich mich selbst wahrnehme und mich mit mir selbst beschäftige, wenn ich bewusst wahrnehme, wie ich atme und was alles um mich herum passiert, können sich Dinge ändern“.

Bewusst laufen, bewusst atmen, bewusst schreiben, bewusst essen. Was esse ich? Wie fühlt es sich an, wie riecht und wie schmeckt es? Dass ich Dinge erst ändern kann, wenn ich auf sie achte, ist klar. Aber reicht das schon fürs Paradies? Natürlich nicht, das weiß auch Lenka. Aber „wenn jeder die Sachen, die er macht, bewusst wahrnimmt, kommen wir automatisch weiter, weil man dann noch mehr wissen möchte. Dann lerne ich vielleicht etwas über Meditation und meditieren bedeutet nicht nur im Schneidersitz zu sitzen, ich kann auf einem Stuhl sitzen und mich mit dem Kosmos, der Erde und meinem Herzen verbinden“. Auch Meditation, eine Praxis, deren Wirksamkeit mittlerweile anerkannt ist und die vor allem in der Kultur des Ostens ein wichtiger und fest integrierter Bestandteil ist, bedeutet also nichts anderes als Bewusstsein – „Ich bin da, in diesem Moment“.

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die solchen Werten folgt? Eine bewusste Gesellschaft, die auf sich achtet. In der jeder Mensch sich selbst schätzt, genau wie sein Gegenüber und die Welt, in der er lebt, die gesamte Schöpfung, die Umwelt und alles was da noch sein mag. Wo wären wir dann? Laut Lenka wäre es das Paradies und auch für mich klingt es wunderschön, wenn auch etwas utopisch. Die Frage, wie jeder dazu beitragen kann, dass wir als Gesellschaft diesem Ideal ein Stückchen näherkommen, ist für sie leicht zu beantworten und liegt eigentlich auf der Hand: Wie bei allem, was man im großen Stil erreichen möchte, ist das wichtigste was man tun kann, genau das zu leben und zu repräsentieren.

Beobachten, fühlen, verstehen, leben

Was passiert, wenn wir unsere Gedanken beobachten? Wenn wir versuchen zu verstehen, wie wir denken und warum wir es tun? Eine Sache ist mir im Gespräch mit Lenka besonders aufgefallen: sie erscheint extrem bodenständig. Sie redet viel und ist von ihrer Sache mehr als überzeugt, jedoch ist ihr Auftreten nicht abgehoben oder besserwisserisch. Und genau das ist doch, was sie zu Beginn unseres Gespräches gemeint hat: Mehr Herz, weniger Kopf – mehr Geist, weniger Ego. Sich selbst sammeln und die eigene Mitte finden, kann jeder, versichert sie. „Wenn wir anfangen, unsere eigenen Gedanken zu beobachten, fangen wir an, wirklich hinter die Fassade zu schauen. Dann passieren Wunder“. Kurz: Selbstreflektion. Das sei zu Beginn allerdings schwieriger, als es sich vielleicht anhört: „Wenn man anfängt, die Gedanken zu beobachten, erschrecken sie sich meistens und sind auf einmal weg“, doch das ist wohl eine Sache der Übung, genau wie Kochen, Schreiben oder Autofahren – „wenn man das tagtäglich macht, da reichen zwei bis drei Minuten, vielleicht mehrmals am Tag, ist es irgendwann so gefestigt, dass es zum Ist-Zustand wird“.

Das Ego vom Fahrersitz verbannen

Aber was ist dann? Was sind wir, wenn wir unsere Selbstbeobachtung trainieren? Professionelle Gedankenbeobachter, Alltagspsychologen, die meinen, alles durchblicken zu können? Auch hier geht es ums Ego, denn am Ende macht es die Dosierung. Durch einen Vergleich lässt sich das gut verstehen: wenn man den Menschen als Fahrzeug betrachtet, ist unser Körper, laut Lenka, nur das Gehäuse aus Blech. Die Hülle. Sie steht unabhängig vom Innenleben, der eigentlichen Essenz. Doch wer steuert das Fahrzeug? Wer trifft die Entscheidungen, wer führt uns durch Leben? Bei den meisten Menschen wohl das Ego.

Das ist auch gar nicht verwunderlich, denn unser System ist dafür prädestiniert: Unsere Gesellschaft ist Ich-Bezogen. Es geht meistens darum, den eigenen Willen durchzusetzen. Das wichtigste ist Geld zu verdienen, um für sich selbst zu sorgen, möglichst gut zu leben. Das ist erstmal nicht verwerflich, denn wie kann man hart arbeitenden Menschen, die am Ende des Tages trotzdem nicht genug Geld für ein sorgenloses Leben haben, vorwerfen, egoistisch nur an sich selbst zu denken? Trotzdem ist der Egoismus ein Problem und zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Solange es mir selbst gut geht, geht mich der Rest ja nichts an – weder wie es meinem Nachbarn geht, noch was ein paar Straßen weiter passiert und erst recht nicht auf anderen Kontinenten.

Lenka beschreibt das menschliche Potenzial als gigantisch: „Man muss es nur noch erwecken. {…} Wenn man das trainiert, ist der Geist irgendwann klar“. Dann steuere nicht mehr das Ego, sondern der Geist selbst – sie schwärmt förmlich – das Ego schiebe man so auf den Beifahrersitz. „Das wichtigste ist, dass die Menschen überhaupt etwas machen. Ob das Meditation ist, ob das ein Austausch ist oder ob man einfach häufiger Dinge hinterfragt“.

Diese  friedliche, Ego-freie Welt ist leider eine Utopie, die weit entfernt von unserer heutigen Realität ist, aber darauf hinzuarbeiten lohnt sich in jedem Fall – denn am Ende können kleine Veränderungen Wunder bewirken. Auch die weltbereisende Schamanin, Entschuldigung, der Mensch Lenka, gibt die Hoffnung auf Veränderung nicht auf und geht ihren Weg weiter. Wo er sie hinführt, weiß sie noch nicht. Im Herbst 2021 geht es erstmal nach Mexiko. Eine weitere Reise, weitere Erfahrungen, noch mehr Wissen, das sie liebend gerne mit allen Menschen teilt.

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„Die gewaltfreie Kommunikation ist für mich eine Art Lebenseinstellung“

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  1. Carmen

    Lenka for president. So viel Egolosigkeit und pure Liebe habe ich selten bei einem Menschen gespürt

    • Aimee Bastian

      yessssss……. 🙂 Sie hat einfach ein soooo weißes Herz.
      Wie gut, zu wissen, dass es Menschen wie sie gibt <3

  2. Gregor Weinstein

    Danke für das tolle Interview!

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